Über die Stimmkunst
Der Klavierstimmer sollte über Nerven wie Drahtseile, ein dickes Fell wie ein Nashorn und über eine Sensibilität wie die Prinzessin auf der Erbse verfügen – und natürlich hoch musikalisch sein mit einem überragenden Hörsinn.
Die Ausübung des Klavierstimmer-Berufes steht jedermann /- frau offen.
Ob damit der Lebensunterhalt bestritten werden kann, das entscheidet der Markt bzw. die Musik ausübende Klientel.
Der in der Stimmkunst Erfahrene teilt seine Berufskollegen in der Regel in vier Leistungsstufen ein:
1. Gruppe: die Möchtegern- und Gelegenheitsstimmer mit Honorarforderung ab € 40,--.
2. Gruppe: Künstler und Seiteneinsteiger mit gehobenem Qualitätsanspruch; sie fordern ab € 50,--.
3. Gruppe: gelernte Klavier-, Orgel-, Cembalobauer mit hohem Qualitätsdenken: ab € 90,-- .
4. Gruppe: die Meister ihres Fachs mit umfassender Ausbildung und Qualitätsanspruch: ab € 120,--
In Gruppe 1 und 2 tummeln sich jede Menge Scharlatane, die meist mit ausschließlicher Hilfe von Stimmgeräten, an den Stimmwirbeln der Klaviere hängend, herumdrehen, bis ein zusammen gepfuschter Mischmasch entsteht: schlechte Stimmhaltung und Chorunreinheiten werden dann dem mangelhaften Instrument zugeschrieben (O-Ton: “Ich muss kommende Woche noch ein Mal stimmen, das Klavier hält nicht...)“. Kommt gelegentlich doch einmal Akzeptables zustande, sind die Klaviere in der Regel jedoch auf Jahre hinaus „vermurkst“ wie eine versalzene Suppe.
Seien Sie vorsichtig, wenn Ihnen jemand „absolutes Hörvermögen“ suggeriert: wir sind zwar alle Gottes Kinder, aber nicht göttlich!!!
Gruppe 3 verfügt allgemein über solide Grundkenntnisse des Klavierbaus, der Mechanik, Statik und Mensuration nebst musikalischen und intonatorischen Fähigkeiten, kennt sich aus in instrumentalen und raumakustischen Gegebenheiten, hört Schallreflektion und -absorption - vor allem aber ist meist die Grundausbildung solide bis hervorragend mit einem Abschluss an der Fachschule für Musikinstrumentenbau Ludwigsburg. Seine Handwerkerehre ist über viele Jahre verinnerlicht.
Die Leistungsgrenze verläuft etwa bei 90% des absolut Möglichen.
Die Meister ihres Fachs sind, falls charakterlich integer, in Arbeitsablauf und -resultat über jeden Zweifel erhaben. Ihr Hörvermögen bei maximaler Belastungsfähigkeit, ihr handwerkliches, sensitives Erfassen und Umsetzen in d e n richtigen Ton, optimale Stimmhaltung und die gleichschwebend-temperierte Harmonie über sieben Oktaven sind persönliche Erfüllung jeden Auftrags. Nur s i e sind fähig und in der Lage, Stimmungen für höchste Ansprüche auszuführen.
Sie tragen die Konjunktion der unbewusst wahrgenommenen Klänge in sich und erreichen es wie schlafwandlerisch, das instrumentale Gleichgewicht in Klangcharakter, -spektrum und einzelner Tonarten des jeweiligen Klaviers herauszuarbeiten. Diese Spitzenleistung der letzten 10 Leistungsprozent erfordert das mehrfache an Energie und Konzentration. Da die Spezies des genialen Stimm-Meisters offensichtlich ausstirbt, fragen Sie bei Bedarf nach Referenzen (ohne Garantie für integere Charaktere...).
Terminologie / Begriffserläuterungen ( Kurzfassung für Einsteiger )
Tonumfang Klaviere: bis 7 1/2 Oktaven.
Frequenzumfang: ,,A 27,5 Hertz bis c''''' 4186 Hertz. (Ausgangstonhöhe a' 440 Hertz).
Statik Holzkonstruktion: gerahmtes Balkengerüst in Saitenflucht mit Querstreben und Bodenlager.
Statik Metallrahmen: mit siebenfacher Sicherheitsreserve gefertigter Gusseisenrahmen (Temperguss), aufgeschraubt auf die Raste, hält er Zug- und Verwindungskräften über 25 Tonnen stand.
Akustik / Saiten:ca.250 Stück aus kalt gerecktem Spezialstahl in Durchmessern von 0,8 bis 1,6 mm
Akustik /Basssaiten: wegen notwendiger Schwingfähigkeit mit Kupfer umsponnener Saitenstahl.
Akustik /Klangverstärkung: Die Saiten laufen über Klangstege zur Membran, dem sogenannten Resonanzboden aus Fichtenholz, quer zur Maserung verrippt. Voraussetzung für gute Klangverstärkung über alle Frequenzen sind stehende Jahresringe.
Spielwerk: Klaviatur mit 88 Tasten (52 Unter- und 36 Obertasten) = 7 ¼ Oktaven
Mechanik:( Doppel-Repetition) mit ausgereiftem Hebelwerk, bestehend aus Hebeglied, Hammer und Dämpfer mit ca. 5000 Einzelteilen.
Pedalanlage: 3 Pedale für Dämpfung, Sostenuto und Piano.
Korpus: Möbelgehäuse im Stil der Zeiten mit wenig Einfluss auf den Klang.
Terminologie für Fortgeschrittene:
Ver-/Stimmungseinflüsse: Luftfeuchtigkeit und Feuchte-Sättigungsgrad
Bei 20 Grad Lufttemperatur kann die Luft ca.17 Gramm Wasser aufnehmen. Die ideale relative Feuchte würde dann etwa 54% betragen. Diese Feuchte-Sättigung entspricht etwa 10% Holz-Feuchte.
Mangelnder Ausgleich hierbei ist verantwortlich für mehr als 60% aller Verstimmungen und Schäden an Ihren Instrumenten.
Temperaturschwankungen sind zwar eng verbunden mit Feuchte- Werten, machen für sich gestellt aber nur ca. 5% Schadensanteil aus.
Ungünstig gewählte Standorte wie direkte Sonneneinstrahlung oder in unmittelbarer Nähe von Wärmespendern zeitigen oft verheerende Schäden durch Austrocknung.
Der Grad der Verstimmung durch eine übliche hausmusikalische Nutzung ist sehr gering. Weitaus gravierender für unbefriedigenden Genuss ist eine mangelhafte Qualität des Instruments bei ungenügenden Spiel- und Klangeigenschaften meist billiger Fabrikate.
Es ist eine kulturelle Schande, dass das Gros der Jugendlichen mit solch einer Hörerfahrung durch mangelhafte Schulklaviere - meist auch noch schlecht gewartet – durchs Leben geht.
Materialverwendung, Verarbeitung und Bauprinzip: nicht alles, was 88 Tasten hat, ist als Klavier zu bezeichnen! Allein bei der Verwendung des Saitenmaterials kann es zu Unreinheiten kommen, die ein passables Stimmen unmöglich machen; dies schließt meist auch falsche Mensuren und mangelhafte Ausführung ein.
Stimmtechnik, einfach wie komplex: Für gutes Handwerk benötigt man passendes Werkzeug. Gutes Werkzeug wiederum macht nicht automatisch einen guten Handwerker...
Nach jahrelanger Übung bei guter Anleitung und klarer Zielsetzung erwartet Sie eine gewisse Meisterschaft - und zwar in allen Gewerken. Praktische Umsetzung: Setzen sie den Stimmhammer mit Sternloch in etwa zwischen 11 und 13 Uhr zur Saitenrichtung auf. Schlagen sie die Taste der zu stimmenden Saite mf bis f an und bewegen Sie den Stimmhammer gefühlvoll mit Kraft im Uhrzeigersinn, bis Sie die Drehbewegung des Stimmwirbels im Holz spüren. Die Saite ist somit stärker gespannt und der Ton klingt höher - idealerweise 2 - 4 Hertz über dem Referenzton bzw. der gewünschten Tonhöhe. Bei weiterhin gleichmäßigem Anschlag drücken Sie den Stimmhammer – ohne dabei den Wirbel nach unten zu biegen – wohl konzentriert gegen den Uhrzeigerinn, lösen dabei die Torsion des Wirbels und die Überdehnung des Wirbelfeld-Saitenanhangs Stück für Stück und Anschlag auf Anschlag auf, bis die kleinste Differenzschwebung zum Referenzton beseitigt ist. Sollte sich bei diesem Vorgang der Wirbel im Holz auch nur um einen tausendstel Millimeter gedreht haben, ist die Stimmhaltung nicht gewährleistet, und der Vorgang beginnt erneut. Das gleiche gilt, wenn der Ton zu tief geraten sein sollte.
Üben sie jeden Tag mit einer Saite / einem Ton mehr. Jedes kleine Erfolgserlebnis bringt Sie weiter, bis Ihnen eines Tages gelingt, Ohr, Motorik, Konzentration und musikalische Harmonie in so hochfrequenter Balance zu halten, dass Ihnen 88 Töne wohltemperiert entgegenklingen.
Bei Konzertstimmungen wird in aller Regel keine gravierende Tonhöhenveränderung , sondern nur eine Schwebungsangleichung vorgenommen. Sollten sich während des Konzerts mechanische oder intonatorische Unstimmigkeiten ergeben, so hat der Veranstalter wohl den Stimmer per Ausschreibung gewählt...
(Ver)stimmungs-Notwendigkeiten: In unserer abendländischen 12-Ton-Oktave lassen sich 12 reine Halbtöne gemäß harmonischer Naturtöne so nicht unterbringen. Mathematisch-empirisch müssen die kleinen Unterschiede des syntonischen und des ditonischen Kommas gleichschwebend temperiert verteilt werden. Falls dies nicht konsequent durchgestimmt wird, erhalten wir bei einigen Intervallen quasi unerträgliche Dissonanzen .
Temperierte Stimmung a) Ditonisches Komma: Der Tonhöhenunterschied einer Intervall-Folge von 7 reinen Oktaven aufwärts zu 12 reinen Quinten aufwärts beträgt ½ Ton; d. h.: sollen alle Quinten gleich schweben, so müssen sie 1/12 kleiner als rein gestimmt werden.
Temperierte Stimmung b): Syntonisches Komma: Um die dann immer noch bestehende Tonhöhendifferenz zwischen reinen chromatischen Halbtonschritten und reinen diatonischen Tonleitern auszugleichen, wird der jeweils folgende Halbton mit der Verhältniszahl (gerundet) 1,05946 multipliziert bzw. dividiert.
Häufig wird ein Halbton auch zum besseren Verständnis in 100 Cent- Schritten metrisch unterteilt.
Temperierte Stimmung c): praktische Umsetzung: Die Differenzschwebungen pro Sekunde sind bei Quinten bis zu 0,65 kleiner als rein, bei Quarten bis zu 1,05 größer als rein. Das ergibt Differenzschwebungen der großen Terzen von a bis cis' von 8,72 steigernd bis zum f' zu a' auf 13,85.
In der Praxis sind die eigentlich reinen Oktaven minimalst gespreizt.
Je nach instrumenten-akustischer Qualität des Klaviers gleicht der Meister entsprechend seines musikalischen Einfühlungsvermögens kleine Unregelmäßigkeiten aus. Wenn dann noch ein dickes Lob des Auftraggebers folgt, weiß er/sie, dass er/sie einmaliges geschafft hat.
Im Juni 2012: Andreas Weng

